Kinderwunsch ja, aber künstliche Befruchtung? No way.

Posted: 27. Januar 2020 by Lila

Es sind mittlerweile knappe zwei Jahre vergangen, seit wir erfahren haben, dass unsere Chancen auf natürlichem Weg schwanger zu werden etwa so gross sind, wie eine komplette Sonnenwoche im tiefsten Aargauer Mittelland Mitte November. Nicht unmöglich, aber seeeeeeeeeehr unwahrscheinlich. Als wir damals nervös in der Kinderwunschklinik sassen, kam dieser Satz unserer Ärztin, der sich einfach nur falsch und regelrecht übergriffig anfühlte: „Machen Sie sich keine Sorge, Frau Fischer, wir kriegen Sie schon schwanger.“

Ja, das ist wohl der Satz, den die meisten Frauen oder Pärchen im Kinderwunschzentrum durchaus hören wollen. „Puh – Glück gehabt, die können uns helfen unser Wunschkind zu bekommen!“ Was aber, wenn man das gar nicht will? Wir sind damals mit klar kommuniziertem Ziel in die Kinderwunschklinik. Nach über einem Jahr des Übens, wollten wir einfach nur wissen, WARUM wir nicht schwanger werden. Und diese Antwort kriegt man nunmal am besten von den Kinderwunsch-Experten. Wir, aber vor allem ich, war(en) super nervös vor unserem ersten Termin. Ja, ich wollte Kinder, aber ich habe dieses extreme Körperbewusstsein – niemand darf da in irgendeiner Form etwas dran „machen“ ohne dass ich zu 100% davon überzeugt bin. Ich hatte tatsächlich die blödsinnige Vorstellung, dass die mich da einfach „schwanger machen“ ohne, dass ich genügend Zeit hatte, mir das auch ausreichend zu überlegen! Ich hatte schlicht Angst, dass es mir zu schnell gehen könnte. Denn es hat schliesslich JAHRE gedauert bis wir uns auf das Abenteuer „Okay, lass uns mal schauen, was passiert“ einlassen konnten. Ich habe depressive Phasen hinter mir, bin hochsensibel und habe eine allgemeine Angststörung. Sich mit diesen Voraussetzungen für Kinder zu entscheiden, erscheint mir manchmal heute noch kopflos. Aber eben… da quält man sich dazu, endlich mal einfach loszulassen (alle anderen kriegen das ja schliesslich auch hin!) und dann das: Infertilität.

Diagnose Infertilität = künstliche Befruchtung

Nun gibt es zig unterschiedliche Diagnosen, die zu Infertilität führen. Welche es bei uns genau ist, das wollten wir wissen, auch wenn wir insgeheim dachten, dass es einfach nur am Stress liegt. Was da aber alles mit der Diagnose an Beigemüse mitaufgetischt würde – darauf war ich nicht vorbereitet. Wir hatten unsere Testergebnisse bereits erhalten, kannten somit den Grund unserer Infertilität und gingen nun also erneut in die Klinik für unser Abschlussgespräch – ein Standardvorgehen. Was dann kam, war aber kein Absschlussgespräch, sondern direkt ein „So, und wie schnell sollen wir Sie denn nun schwanger machen?“ MOMENT MAL!! Mir stellten sich alle Härchen im Nacken auf und das Adrenalin schoss mir durch den Körper. Hatten wir dies nicht schon zu Anfang besprochen!?

Wir liessen uns also irritiert und vor den Kopf gestossen erklären, welche Verfahren mit Hormontherapien, Eingriffen und Schwängeleien im Kämmerchen nötig wären, damit wir doch noch zu unserem Wunschkind kommen könnten. Aber es war eine Sache von wenigen Minuten. Raus – wir wollten einfach nur noch da raus. Für mich war es, als ob all meine Befürchtungen im Vorfeld wahr geworden wären. Als hätte mich diese Ärztin persönlich mit einer künstlichen Schwangerschaft bedroht. (Und ja, ich weiss, wie schräg sich das anhören muss!) Ich fühlte mich, als hätte mich jemand überfahren. Ist das so? Will man automatisch eine künstliche Befruchtung, nur weil man auf natürlichem Weg nicht schwanger werden kann? Sind wir etwa nicht normal?

Die Phase der Trauer geht oft vergessen

Erst konnte ich meine Wut nicht richtig einordnen, aber irgendwann wurde mir klar: „Verdammt nochmal, ich habe nun das unumstossbare Wissen, dass ich vielleicht nie werde schwanger sein! Darf ich da bitte kurz traurig sein bevor ich mir über Hormontherapien Gedanken machen muss?“ Für mich persönlich hat man in der Klinik und auch in meinem Umfeld einen wirklich wichtigen Schritt einfach übergangen. Den der Trauer. Ich musste monatelang trauern. Ich musste mich vom klischeehaften Familienleben verabschieden. Ich musste akzeptieren, dass ich vielleicht nie ein Baby würde in mir kicken spüren, all diese Muttergefühle vielleicht nie erleben würde. Denn wie oft hatte ich bis zu dem Zeitpunkt schon gehört: „Du weisst nicht was Liebe ist, bis du Mutter bist!“ (Übrigens einer der respektlosesten Sätze, die eine Mutter einer kinderlosen Frau sagen kann.)

Der Weg zur Akzeptanz

Zu akzeptieren, dass man auf natürlichem Weg wahrscheinlich nie schwanger sein wird und sich den Kinderwunsch nur mit alternativen Möglichkeiten erfüllen kann, ist ein Prozess. Dieser Prozess kann unterschiedlich lang dauern und zu komplett unterschiedlichen Resultaten führen. Für viele scheint offenbar ganz klar, dass man nur in die Kinderwunschklinik geht, weil der Kinderwunsch so gross ist, dass er mittels künstlicher Befruchtung ermöglicht werden soll. Für uns ist das nicht so. Denn unser Kinderwunsch ist einfach nicht sooooooo gross. Ja, wir wollten wissen, was Sache ist. Aber die Vorstellung von Hormontherapien, unzähligen Arztterminen und Eingriffen, dem steten Bangen und natürlich auch den finanziellen Kosten löst in mir eine starke Abwehrhaltung aus. Ich fühlte mich lange auch, als müsste ich mich zwischen meiner mentalen Gesundheit und einem Baby entscheiden. Denn künstliche Befruchtung…. ich glaube nicht, dass ich das ohne heftigste Begleiterscheinungen wie Panik und depressiven Verstimmungen überstehen würde. Dass mein Mann grundsätzlich gegen künstliche Befruchtung ist, war da natürlich auch nicht meinungsändernd. Aber zum Schluss spielen die Gründe keine Rolle. Wir sind uns aktuell einig: Keine künstliche Befruchtung, keine Adoption. Ergo: keine Kinder. Es sollte ein Abenteuer sein: „Mal schauen, was uns die Natur beschert.“ Die Natur hat uns gesagt, was sie zu sagen hat und wir warten nun ab, ob wir unsere Meinung doch noch ändern und was uns die Zukunft bringt.

Manchmal ist der Weg das Ziel

Wir haben es geschafft wieder glücklich zu sein. Auch ohne Kinder. Unsere Babies ist unser gemeinsames Unternehmen und unsere Haustiere. Wir arbeiten zusammen, leben zusammen und führen doch auch erfüllte, unabhängige Leben, in denen sich jeder selber verwirklicht. Vor 10 Jahren hatte ich solche Panik, dass ich aufgrund meiner Angststörung und Depressionen niemals würde arbeiten können. Ich dachte immer, dass ich Kinder bräuchte, um dem Druck in der Arbeitswelt zu entfliehen. Dass ich heute keine Kinder habe, aber sehr glücklich bin im Job und mehr leiste, als ich es mir je zugetraut habe, ist ein Zeichen, dass man nie aufgeben darf. Das Leben macht komische Sachen. Aber es geht immer irgendwie weiter.

3 Comments

  • Christine 27. Januar 2020 at 15:44

    Mir geht es genau gleich außer dass ich zweimal schwanger war und leider im vierten Monat beide Babys sich verabschiedet haben. Das war eine schwere Zeit aber auch ich habe mich in zwei verschiedenen Kinderwunschkliniken beraten lassen und jedes mal hatte ich dieses große Gefühl dass ich keine künstliche Befruchtung möchte.
    Auch wenn der Schmerz groß ist möchte ich meinen Körper nicht schädigen. denn die ganzen Hormone sind nicht ohne und was wenn man nicht schwanger wird trotz künstlicher Befruchtung….? Ich fand es schon schlimm jeden Monat zu hoffen dass man endlich schwanger ist wie wird es denn sein wenn der Druck dann noch größer ist sei es wegen den Kosten oder wegen der ganzen Medikamente?! Nein das wollte ich mir nicht antun.
    Was mich sehr enttäuscht hat war das scheinbar eine künstliche Befruchtung ganz normal ist für die Kinderwunschärzte.
    Es war fast abnormal dass ich keine künstliche Befruchtung gewünscht habe! Ich fand das etwas speziell aber bis heute bin ich absolut davon überzeugt dass meine Entscheidung die richtige ist auch wenn ich niemals ein Kind haben werde!
    Ein Kind ist etwas wundervolles und es ist ein Geschenk das habe ich nach so vielen Jahren schätzen gelernt.
    Es ist nur unfair dass viele einfach so Kinder bekommen und andere nicht! Leider wird auch oft gar nicht herausgefunden warum es so ist.
    Ich bin nun 40 Jahre alt geworden und habe den Kinderwunsch fast aufgegeben. 5 % bleiben noch denn ich bin beide male komplett natürlich schwanger geworden und wer weiß vielleicht schlägt es noch einmal ein…. Ich schaue positiv in die Zukunft auch ohne Kind ❤️
    Wir sind unendlich viel wert so wie wir sind!
    Grüsse Christine

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    • Lila 28. Januar 2020 at 15:36

      Liebe Christine
      Herzlichen Dank für deine offenen Worte. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr sie mich berührt haben! Du bist die erste, die mir sagt „Ja, ich habe mich bewusst gegen künstliche Befruchtung entschieden“. Ich will auf keinen Fall den medizinischen Weg schlecht machen für diejenigen, die ihn wählen. Aber für mich ist es wie für dich: Es geht einfach nicht. Ich fühle mich nicht imstande, meinem Körper und somit auch mir, diesen Schritt zuzumuten. Mir wurde mal gesagt: „Die Ärzte in den Kinderwunschkliniken sind dazu da, Frauen schwanger zu machen. Das ist deren Job.“ Eine Psychologin hingegen (als Beispiel) ist dazu da, dafür zu schauen, dass es dir gut geht. D.h. je nachdem, bei welchem Arzt du bist, wirst du eine andere Antwort erhalten und auf unterschiedliches Verständnis deiner Situation stossen. Das hat mir geholfen, die Reaktion der Ärzte zu verstehen. Und trotzdem – mehr als ihnen klipp und klar zu kommunizieren, warum man sie aufsucht, können wir dann ja trotzdem nicht. ??‍♀️ Es tut mir leid, dass das Leben auch für dich einen schwierigen Weg gewählt hat beim Thema Kinder kriegen. Deine beiden Fehlgeburten im 4. Monat müssen unglaublich schwer gewesen sein. Ich kann mir denn Schmerz kaum vorstellen. ?
      Die Hoffnung stirbt zuletzt und Wunder geschehen. Schauen wir, was das Leben für uns bereit hält! Ich wünsche dir von Herzen alles Gute!
      Sara

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  • Silke 6. März 2020 at 11:52

    Liebe Sara,

    ich kann deine Entscheidung sehr gut nachvollziehen, für mich würde es sich auch falsch anfühlen, bei so einer intimen, schönen Sache von außen eingreifen zu lassen.

    Ich möchte dir aber auch ein wenig Mut machen, der Natur ihren Lauf zu lassen, mit der Geschichte meiner Schwägerin… sie hat nach langen Versuchen und auch schon eine Hormontherapie im Auge, dann doch irgendwann los gelassen und sich gesagt, dann ist das eben so und wir schauen, wie das Leben spielt… Plötzlich klappte es doch und nun sind sie Eltern von zwei Kindern.

    Ebenso meine Kollegin, man hatte ihr und ihrem Partner gesagt, dass sie keine Kinder bekommen können, sie haben sich dann auf ein Leben zu zweit eingestellt und begonnen dieses Leben zu planen… eines Tages kam sie an und erzählte uns, sie sei schwanger und im Januar hat auch sie schon ihr zweites Kind bekommen.

    Ich möchte nicht sagen, dass es grundsätzlich so sein muss, aber dennoch, wenn man los lässt und sich sagt, „ich werde sehen was das Leben für mich bereit hält und welche Geschichten es schreibt, kommt es dann oft doch anders als ursprünglich gedacht.

    Ich wünsche dir/euch, alles, alles Liebe und Gute für eure persönliche Lebensgeschichte und kann sehr gut verstehen, dass ihr sie nicht von „außen“ verändern lassen wollt.

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